Wo endet Verwöhnung und wo fängt Erziehung an?

  • Beitrags-Autor:
  • Beitrags-Kategorie:Blog
  • Beitrags-Kommentare:0 Kommentare

Heute geht es um die Frage, ob wir irgendwann mit dem Verwöhnen unserer Kinder aufhören und mit ihrer Erziehung beginnen müssen und wie wir das am besten machen.

Im letzten Beitrag haben wir uns mit der Unreife des neugeborenen Babys befasst und uns klar gemacht, dass es die ersten Monate nach der Geburt quasi noch die Fortführung des Mutterleibes erwartet. Dafür brauchen sie rund um die Uhr Nähe und Geborgenheit und das mehr oder weniger an der Mama dran. Oh ja, wir haben den härtesten Job der Welt! Unseren Job, wenn wir ihn bedürfnisorientiert ausüben, zeichnet auch seine vielen Fragen aus und eine davon lautet: Wann fange ich denn dann aber an mein Kind zu erziehen? Ich muss doch mein Baby oder kleines Kind erziehen? Irgendwann muss es doch lernen, sich zurecht zu finden und vor allen Dingen: Wie verhindere ich folgendes Szenario?

Das „total verwöhnte“ Kind…

… ist in unserer Vorstellung etwa drei oder vier Jahre alt, hat einen Bock-Anfall, eine tägliche Trotz-Phase, es ist ein Kind, das nicht teilen kann, das kratzt, beißt und spuckt. Das „total verwöhnte“ Kind will den ganzen Tag Fernsehen gucken und ist unzufrieden, wenn man ihm zu wenig schenkt, obwohl sein Kinderzimmer aus allen Nähten platzt und nie aufgeräumt werden will.

Wir sind uns einig: Solch ein Kind wollen wir alle nicht!

Ich habe mich damals gefragt, als mein Sohn etwa vier, fünf Monate alt war, wie ich das nun hinkriegen soll. Denn ich verwöhne mein Kind 24/7 mit meiner Liebe, Geborgenheit und Achtsamkeit, aber so ein verwöhntes Kind wie das Bild in meinem Kopf wollte ich bloß nicht!

Interessant ist, dass das Eine gar nicht im Anderen endet

Stattdessen ebnet das Eine den Weg zu einem Kind, wie wir es wahrscheinlich alle ganz wundervoll finden. Das Verwöhnen ebnet den Weg zu sozialen Kindern, zu selbstbewussten, starken Kindern und zu Kindern, die sich in der Familie einbringen und sich eben nicht alles nur um sie selbst dreht.

Dafür machen wir einen kleinen Ausflug in andere Kulturen und zwar in diejenigen, die etwas ursprünglicher mit ihren Kindern umgehen als wir es in der westlichen Welt vorgelebt bekommen. In diesen Kulturen ist es normal, dass

– Babys gestillt werden bis sie essen können,

–  Babys getragen werden bis sie laufen können und

–  Babys auch im Elternbett ohne Frage schlafen bis sie groß sind und es selbst wollen.

Interessant ist, dass in diesen Kulturen die kleinen Kinder schon früh zu selbstständigen und fürsorglichen Mitgliedern der Familie werden. Dort findet man dreieinhalb Jährige, die sich um Babygeschwister kümmern. Man sieht siebeneinhalb Jährige, die mit Freude und auch mit einer Selbstverständlichkeit der Mama im Haushalt zur Hand gehen oder beim Kochen helfen. Da beobachtet man Jugendliche, die ganz klar die Familie unterstützen und für sie da sind.

All dies entspricht ja genau dem Gegenteil von dem, was wir von trotzigen Kindern kennen und auch von maulenden Jugendlichen. Deshalb habe ich mich von Anfang an gefragt: Toll! Was passiert da, was läuft da anders, wie kommt es, dass diese Kinder so werden? Und die gute Nachricht auf diese Frage ist: Wir finden es auch ganz klar in unserer Kultur, in unserem Hier und Jetzt, wir finden es nämlich in unserem eigenen Instinkt und wir finden das in dem Instinkt unseres Babys.

Und zwar wirklich in dem Instinkt von jedem Baby.

Die besten Freundinnen von Nähe und Geborgenheit sind Selbstvertrauen und Mut

Ihr werdet es selbst merken, wenn ihr eure Babys voller Liebe und Zuneigung total „verwöhnt“, dann entwickeln sie eine Stärke und ein Selbstbewusstsein, das ihnen ermöglicht, die Welt zu erforschen. Es ermöglicht ihnen auch mit einer tief entspannten Grundeinstellung das Leben zu betrachten und es dadurch auch zu entdecken. Es ist so wunderschön zu beobachten, wenn sie auf ihrer Decke liegen und anfangen sich ein paar Minuten mit ihren Fingern zu beschäftigen oder was vom Boden hochheben wollen und dabei auch gar nicht nach der Mama gucken.

Denn sie wissen eins ja ganz sicher: Die Mama ist da.

Durch dieses Wissen haben sie wirklich die Möglichkeit, sich jetzt mal 10 oder 15 Minuten auf etwas ganz spannendes zu konzentrieren. Und die Welt ist ja auch wirklich spannend! Und später dann, mit acht oder neun Monaten, sind sie so selbstbewusst durch dieses tiefe Wissen, dass die Mama wirklich immer zuverlässig da ist, dass sie sich auch mal 30 Minuten auf irgendwas konzentrieren können. Sie haben ja kein Wissen oder Gefühl vom Alleine gelassen werden und können ihre Zeit ganz intensiv und aufmerksam auf die Sache nutzen. Sei es permanent zu üben sich hinzustellen und hinzusetzen, hinzustellen und hinzusetzen, hinzustellen und so weiter. Sie wissen ganz genau, dass sie sich von der Suche nach der Mama nicht ablenken lassen müssen, denn die Mama ist ja da.

Urvertrauen = die Welt in Vertrauen entdecken können

Das Selbstvertrauen, dieses Urvertrauen, das unsere Kinder in den ersten Monaten von uns Eltern in den ersten Monaten bekommen haben, ermöglicht es ihnen dann, ihrem Forscherdrang und  Wissensdurst Raum zu geben und die Welt zu entdecken.

Wie ist das denn, wenn ich mein Baby nicht verwöhne?

Also, wenn man unsere verwöhnten Babys mit den Babys vergleicht, die

  • viel alleine gelassen werden,
  • viel schreien gelassen werden,
  • viel liegen gelassen werden und
  • die permanent Stresshormone in sich haben,

dann kann man beobachten, dass diese Kinder ängstlicher sind. Auch in Situationen, in denen die Mama da ist, haben sie nicht diese entspannte Grundeinstellung, sondern müssen immer schauen, ob die Mama auch wirklich da ist. Dadurch nehmen sie sich die Möglichkeit, sich länger auf Dinge zu konzentrieren. Die Konsequenzen können beispielsweise sein: Sie fangen später mit dem Pinzettengriff an oder  sie fangen später mit dem Krabbeln an. Denn Krabbeln lernen, Sitzen lernen, Laufen lernen, all das benötigt volle Konzentration vom Baby auf den eigenen Körper und diese volle Konzentration trauen Babys seltener einem anderen Objekt oder sich selbst zu geben, wenn sie mit der Angst kämpfen müssen, dass sie allein gelassen werden.

Der Vorteil des Verwöhnens

So kommt es also, dass unsere „verwöhnten“ Babys ganz schnell anfangen zu aufgeweckten Entdeckern zu werden. Sie werden zu Babys, die sich von der Mutter entfernen, Babys, die sich mutig  behaupten, während – ganz salopp gesagt – auf Härte oder mit Regeln erzogenen Babys das immer noch aufholen müssen. Sie lösen sich ungern von der Mama, wenn sie sie dann mal haben. Diese Babys hängen gerne am Rockzipfel, weinen viel leichter und es ist paradox, aber sie bleiben dann gegenüber ihren „verwöhnten“ Artgenossen natürlich etwas zurück. Denn sie können sich nicht so entfalten wie andere Kinder und lernen deswegen alles ein bisschen langsamer und haben es ein kleines bisschen schwerer im Leben.

Natürlich ist jedes Kind anders und jedes Kind wird auf einem anderen Level abgeholt!

 Das hier heißt nicht, dass ein Baby, wenn es denn weint, automatisch ein Baby ist, das viel liegen gelassen wurde. Das meine ich nicht, man holt sein Baby dort ab, wo es mit seiner individuellen Grundausstattung auf die Welt kommt. Jedes Baby ist anders, hat seine eigene Persönlichkeit, seine eigene Geburtserfahrung, seine eigene körperliche Entwicklungsgeschwindigkeit. Es geht mir nicht um das Vergleichen unserer Kinder, sondern um unseren Willen, eine liebevolle Bindung zu ihnen aufzubauen und feinfühlig auf ihre Bedürfnisse einzugehen.

Wie man das als Eltern schafft, lest ihr in Teil 2.

Schreibe einen Kommentar