Wo endet Verwöhnung und wo fängt Erziehung an? Teil 2

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Falls ihr den ersten Teil noch nicht gelesen habt, dann geht es für euch hier lang.

Eltern kleiner Forscher und Entdecker

Unsere Babys sind also, wenn sie in den ersten Monaten genug verwöhnt wurden, gnadenlose Forscher und Entdecker geworden. Was kann man da als Mama oder als Eltern gut machen? Genau.

Man kann sie machen lassen.

Dieser Punkt darf nicht unterschätzt werden. Wie oft ist es so, dass ein Baby einfach in eine Wippe geschnallt ist, weil es sonst im Weg ist? Wie oft ist es so, dass es Dinge erforschen und in den Mund nehmen möchte, aber nicht darf? Weil die Sachen schmutzig sind, obwohl sie vielleicht gar nicht so schmutzig sind. Natürlich darf ein Baby nicht alles in den Mund nehmen. Aber es gibt ja wirklich Babys, denen wird alles aus der Hand gerissen.
Das ist ein Stück weit fatal, denn ein Baby will ja nichts Böses, wenn es Sachen in den Mund nimmt, sondern ein Baby möchte die Welt entdecken und erforschen.

Andere Beispiele: Ein Baby, das auf dem Rücken liegt und diese Krabbel- und Kraulbewegungen macht oder rumrobbt, will ebenfalls nichts Böses und gehört deswegen in eine Wippe, weil es da nicht stört, sondern es möchte krabbeln lernen.
 Ein Baby, das die Treppen auf- und abrennt bzw. es gerne machen möchte, das will mich nicht ärgern. Es macht dann auch keinen Sinn, wenn ich „Nein!“ sage und nochmal „Nein“ und noch 10 Mal „Nein“. Das Wort und dessen Inhalt verstehen Babys noch nicht. Bei dem Versuch, den Entdecker-Drang des Babys verbal zu unterbinden, indem wir an seinen Verstand appellieren und ihm Ja und Nein erklären, stoßen wir ganz schnell an unsere Grenzen. Als Folge werden wir nur lauter und immer drängender und das Baby versteht unser „Nein!“ eventuell trotzdem nicht.

Denn ein Baby will, wie gesagt nichts Böses.

Wenn es die Treppe auf und abgeht, will es einfach nur das lernen, was es vorgelebt bekommt. Es hat das Ziel ein vollwertiges Mitglied der Gesellschaft zu werden und dazu gehört es Treppen zu steigen. Dazu gehört auch selbstständig am Tisch zu essen. Ein Baby will nicht extra kleckern und es will auch nicht nerven, wenn es nach dem Löffel grapscht. Nein, es möchte einfach nur lernen, um es irgendwann selber zu können. Und genau für dieses Lernen zur Selbstständigkeit ist ganz oft kein Platz. Es ist ganz häufig unerwünscht, dass ein kleines Kind oder altes Baby sich ausprobieren darf. Es ist oft kein Platz, dass ein Baby mithelfen darf.

Welches Baby spielt gerne mit Spielzeug?

Ich kenne keins. Vielleicht mal ein Spielzeug für eine kurze Zeit. Doch was verliert nie den Reiz? Das sind die Kochtöpfe, die ich jeden Tag in der Hand habe und das sind Gegenstände, die ich jeden Tag benutze – die verlieren keinen Reiz. Der Anreiz für das Baby lautet nämlich: „Das will ich auch können!“

Babys besitzen eine große Wissbegierde genau das zu können, was auch die Erwachsenen können. Das geht beim Anziehen weiter, beim Laufen… Ein Baby, das Laufen gelernt hat, ist stolz wie bolle darauf und möchte diese Fähigkeit dann auch nutzen und laufen, laufen, laufen.

Wie ist es aber ganz oft im Alltag?

 Wie oft sieht man Vierjährige im Kinderwagen? Die können sicherlich schon seit 2 Jahre laufen. Sie werden dann aber wieder entmündigt – ich nenne das jetzt wirklich so – ihre Fähigkeiten anzuwenden.
Oder Kinder, die schon essen können? Wie oft sehe ich Vierjährige, die nicht mit Messer und Gabel essen dürfen? Die quasi entmündigt werden ihre Motorik einzusetzen, zu probieren und zu üben, die stattdessen noch gefüttert werden.

Gehen wir mit dem Treppen-Beispiel weiter: Natürlich passt das nicht immer. Deswegen ist eine Kindersicherung da, aber ab und zu muss das Kind üben dürfen.

Ich kann nicht den Anspruch haben, einen  Sechsjährigen zu haben, der Treppen steigen kann, wenn ich es meinem Baby nie erlaube zu lernen.

Und deswegen ab und zu: Kindersicherung auf und hinterm Baby hinterher laufen und es einfach machen lassen, es auffangen, wenn es fallen würde. Ebenso verhält es sich beim Füttern: Natürlich muss ich mein Baby, wenn wir unterwegs sind und ich nicht möchte, dass es sich vollkleckert,  füttern, aber es hat auch die Möglichkeit, es selber zu lernen. Ab und zu muss es sich schmutzig machen dürfen, mit dem Löffel üben können und wenn das auch bedeutet, dass der Löffel dann ins Ohr wandert.

Aber das muss es lernen.

Wie sonst soll es denn später vernünftig essen können?

Man kann das Üben einem Baby nicht immer verbieten, schnipsen, und dann plötzlich ist es sechs Jahre alt und soll alles können.

So ist das nicht. Genauso ist es mit dem Laufen. Mein Sohn läuft jetzt kleine Strecken, andere Strecken wird er getragen. Er darf üben, er darf laufen und ja, manchmal dauert es deshalb länger und manchmal passt es auch nicht. Dann wird er auch mal auf der Hüfte getragen, obwohl er eigentlich lieber laufen wollen würde. Aber nochmal: Üben gehört dazu und nur so erlangt er auch die Ausdauer und Kraft, um mit zwei Jahren normale Strecken zu laufen.

Das klingt jetzt erstmal komisch, aber wie gesagt, wir haben das Bild von Vierjährigen, die im Kinderwagen sitzen, und das aus dem einfach Grund, weil wir ihnen die Strecken nicht zutrauen.

Und das ist genau der Punkt: Einem Neugeborenen trauen wir zu alleine zu schlafen. Von dem erwarten wir, nur alle vier Stunden Hunger zu haben, aber ein Vierjähriger, der darf nicht alleine essen, der darf nicht alleine laufen und auf dem Spielpatz, wenn er spielen möchte, hat er immer im Ohr eine Mutter, die sagt: „Vorsicht, Vorsicht! Pass auf, tu dir nicht weh!“

Diese verdrehten Denkweisen und Ansprüche an unsere kleinen Kinder tun mir so leid! Es ist doch verrückt: Gefordert zu werden in einem Alter, in dem man sie nicht fordern kann, weil der Verstand fehlt und sie zu entmündigen und ihnen ihre Fähigkeiten abzusprechen, die sie eigentlich schon haben.

Es wundert mich nicht, dass aus diesen Kindern, also Kindern denen nichts zugetraut wird und Kindern, denen nichts erlaubt wird zu probieren, dann Kinder werden, die nichts mehr wollen und Kinder, die auch nichts können.

Eigentlich werden sie dann genau solche Kinder wie wir sie anfangs beschrieben haben: total verwöhnte Kinder. Denn was ist ein verwöhntes Kind?

Ein verwöhntes Kind ist ein Kind, das Sachen abgenommen bekommt, die es eigentlich schon kann.

Ich hoffe, wir haben mit diesem zweiten Teil das Thema „Verwöhnung“ einmal gründlich unter die Lupe genommen. Ich hoffe sehr, ich bin niemandem zu nahe getreten mit irgendeiner Aussage. Wir  leben ja heute im Hier und Jetzt und vieles ist ja einfach nicht mehr so leicht mit dem eigenen Instinkt und dem Ursprünglichen zu vereinen.
 Es reicht manchmal wirklich nur im Hinterkopf zu haben, dass Babys einen nicht ärgern wollen mit dem, was sie fordern und dass Babys einen guten Grund haben für die Dinge, wie sie sie tun. Dass das zu einem guten Ergebnis kommt, wenn man sie lässt, wenn man sie ermutigt und sich ausprobieren lässt. Natürlich muss man auch auf Gefahren achtet, ist ganz klar. Aber vielleicht konnte ich ein bisschen erklären, dass dieser Weg ein wunderschöner Weg sein kann mit Babys und mit Kindern und dass es das Leben dann auch wirklich leichter macht.

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